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In meinem Büro sammeln sich unzählige Erinnerungsfotos von Besuchergruppen, die mich in den vergangenen Jahren in Düsseldorf besucht haben. Sportvereine, Schülergruppen und Karnevalsprinzen teilen sich Bilderrahmen und Fotoboxen. Aber heute kann ich ein außergewöhnliches Erinnerungsfoto dazu legen. Nicht weniger als 2.500 Kilometer haben meine Gäste zurückgelegt, um in den Landtag zukommen.

Rund zwanzig Studierende der Türkisch-Deutschen Universität in Istanbul sind zur einer zweiwöchigen Bildungsreise aufgebrochen und haben heute im Landtag Halt gemacht. Dass ich die Gruppe begrüße, war gar nicht vorgesehen. Kurzfristig war meine Kölner Landtagskollegin Gabriele Hammelrath verhindert und ich übernahm. Ein Glücksfall. Denn mit den Studierenden aus dem 3. Semester des Bachelorstudiengangs „Politikwissenschaft und Internationale Beziehungen“ gab es einen spannenden Austausch.

Lange Reise in die Landeshauptstadt

Zwei Themen standen im Blick, die auch mich regelmäßig beschäftigen: Integration und die deutsch-türkischen Beziehungen. Dass Integration lange kein Thema in unserem Land war, habe ich an meiner eigenen Familiengeschichte erlebt. Meine Eltern kamen in den 1960er Jahren aus der Türkei nach Deutschland. Der Aufenthalt sollte nicht von Dauer sein. So haben nicht nur meine Eltern und andere Einwanderer gedacht, sondern auch die deutsche Gesellschaft. Aber das Leben spielt oft anders und aus 5 Jahren wurden 50 Jahre. Heute hat die Integrationspolitik einen hohen Stellenwert und als integrationspolitischer Sprecher der SPD-Landtagsfraktion arbeite ich daran, dass wir gute Voraussetzungen schaffen, damit Menschen Teil unserer Gesellschaft werden. Die Fehler der Vergangenheit dürfen wir nicht wiederholen.

Teil der Gesellschaft

Trotzdem beobachte ich, dass sich in der Enkel-Generation der sogenannten „Gastarbeiter“ immer mehr junge Menschen von unserer Gesellschaft abwenden. Sie fühlen sich stark zur Türkei hingezogen, einem Land, das sie allenfalls aus Urlauben kennen und das demokratische Spielregeln über Bord wirft. Dem möchte ich entgegenwirken und klarmachen, dass auch diese Generation Teil unserer Gesellschaft mit ihren Rechten und Pflichten ist.

Viele Kontroversen

Wenn wir über die Türkei reden, fallen sofort die angespannten deutsch-türkischen Beziehungen ins Auge. Viele Entwicklungen haben das Verhältnis enorm unter Druck gesetzt. Im Zusammenhang mit dem türkischen Islamverband „Ditib“ kommt es immer wieder zu Kontroversen. Ehe die Bundesanwaltschaft vor zwei Jahren das Ermittlungsverfahren einstellte, standen 19 Imame unter Verdacht Informationen über Anhänger der Gülen-Bewegung in Ditib-Moscheen zu sammeln und in die Türkei weiter zu geben. Die Eröffnung der Kölner Zentralmoschee sorgte ebenfalls für Missfallen, als Einladungen an deutsche Politiker erst kurz vor knapp verschickt wurden und namhafte Personen wie die Kölner Oberbürgermeisterin oder der NRW-Ministerpräsident nicht teilnahmen.

Unter Spannung

Nicht zuletzt hat der türkische Präsident Erdogan einen pro-europäischen und demokratischen Kurs hinter sich gelassen. Laut Reporter ohne Grenzen sitzen noch 31 Journalisten in Haft. Im Sommer letzten Jahres wurden außerdem weitere 18.500 Staatsbedienstete entlassen. Hier prallen grundsätzlich unterschiedliche Wertewelten zwischen Deutschland und der Europäischen Union einerseits und der türkischen Regierung andererseits aufeinander. Das macht eine gute Zusammenarbeit zurzeit schwierig.

Der besondere Austausch hat mir viel Spaß gemacht. Den Studierenden wünsche ich alles Gute für ihren weiteren Lebensweg.